Der Spion, der aus den Stiftungen kam …

Die Geschichts-AG in der Schulbibliothek existiert schon lange nicht mehr, aber eine interessante Story möchte ich von den Recherchen der Gruppe hiermit (allerdings sehr verspätet) nachreichen. Es geht um einen ehemaligen Schüler der Latina (nur kurz) und der Knabenmittelschule der Franckeschen Stiftungen. Sein Name lautet Carl Hans Lody. Zur Waise geworden,  kam der junge Hans 1887 in die Obhut der Waisenanstalt der Franck. Stiftungen. Wie aus ihm ein Spion wurde, warum Spionage nicht so ruhmreich wie bei James Bond enden kann, und warum sein Denkmal nicht in Halle, sondern in Lübeck existiert, von dieser Spurensuche möchte ich hier berichten:

Du starbst verlassen

An einem grauen Tag den einsamen Tod…

Gedicht „Hans Lody“ von Bertold Brecht, 1914, zitiert aus „Brecht, Bertold: Gedicht, Band VIII, S. 5, Berlin, 1969

Erfahren haben wir von Hans Lody aus den Francke-Blättern, 1995 Heft 2. Wir stellten bei weiteren Recherchen fest, dass Carl Hans Lody sogar einen eigenen historischen Eintrag beim MI5, dem britischen Inlandsgeheimdienst, besitzt, in dem die Umstände seiner Spionagetätigkeit im ersten Weltkrieg, seine Verhaftung und seine Hinrichtung im Tower geschildert werden.

Von den Stiftungen zur Seefahrt

Wie wurde also aus einem Waisenkind ein Spion? Nach Geburt in Berlin und Kindheit und Jugend in Nordhausen führte der frühe Tod seiner Eltern Hans Lody in die Waisenanstalt der Franckeschen Stiftungen, die er von 1887 bis 1891 besuchte. Zunächst war er auf der Latina, wechselte aber nach einem halben Jahr bereits zur Mittelschule. Prägender als die Lehren Franckes waren aber Reisebeschreibungen und Seefahrtsgeschichten für ihn, eine Sehnsucht, die auch eine Lehre in einem Kolonialwarenhandlung in Leipzig nicht befriedigen konnte. So heuerte er in Hamburg auf dem Schiff des Kapitäns Behring (andere Quelle: Behrens) als Schiffsjunge an. Das war gewiß kein Zuckerschlecken. Im Sommer 1900 schloss er die Marineschule ab und erhielt 1904 das Kapitänspatent. Bei der kaiserlichen Marine stieg er bis zum Oberleutnant zur See d. R. auf. Kapitän konnte Lody augrund eines Augenleidens nicht werden.  Als die Hapag (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) die ersten Weltreisen einführte, wurde Lody aufgrund seiner guten Fremdsprachkenntnisse ab 1909 zum Reiseleiter bei dieser neuen Unternehmung.

Vor dem Ersten Weltkrieg besitzt die Hapag mit 190 Seeschiffen die größte Flotte, befördert der Norddeutsche Lloyd die meisten Passagiere weltweit. Zusammen beschäftigen sie 51.000 Angestellte, davon 30.000 Menschen an Bord. Mit prächtigen Schiffen wie der „Imperator“ befahren sie weltumspannende Routen nach Mittel- und Südamerika, Afrika, Asien und Australien.

Quelle: NDR, s.u.

Vom Reiseleiter zum Spion

Während einer dieser Weltreisen lernte er die wohlhabende Amerikanerin Louise Mare kennen und heiratete sie. Lt. der Quellen lebte das Paar in Omaha, Nebraska, zusammen. Die Ehe wurde bereits im Febr. 1914 wieder geschieden und Lody kehrte ins Deutsche Reich zurück. Der Erste Weltkrieg war inzwischen ausgebrochen und Lody konnte wg. seines Augenleidens nicht in den aktiven Frontdienst wechseln, so lag es (für ihn) nahe, dass er sich auf andere Weise als Offizier in den Krieg einbrachte. Er wurde vom Marinenachrichtendienst rekrutiert und als ausgezeichneter Kenner des britischen Empires über den Umweg Dänemark und Norwegen nach Schottland geschickt. Die Einreise gelang ihm mit Hilfe eines amerikanischen Passes unter dem Namen Charles A. Inglis Ende August 1914. Sein amerikanischer Akzent machte diese Vita glaubwürdiger. Er bezog in Edinbourgh ein Zimmer im North British Station Hotel (Heute Balmoral Hotel) und fuhr täglich mit dem Bus an den Firth of Forth, um die wichtige Marinebasis Rosyth zu beobachten. Seine erste Mitteilung führte wahrscheinlich zum ersten U-Bootangriff der Weltgeschichte und zur Versenkung des britischen Kriegsschiffes HMS Pathfinder, bei dem mehr als 256 Seeleute starben und nur wenige Überlebende gerettet werden konnten. Dieses erste nach Schweden gesandte Telegramm war kaum verschlüsselt und zudem hatte Lody den Vornamen seines Decknamens und die Hoteladresse angegeben. Da ihm dies bald bewußt wurde, wechselte er rasch die Unterkunft. Obwohl der MI5, der britische Inlandsgeheimdienst, bereits darüber informiert war, dass der Empfänger von Lodys Nachrichten, Adolf Buchard in Stockholm, eine Deckadresse des deutschen Marinegeheimdienstes war, und er denkbar schlecht auf das Spionagehandwerk vorbereitet worden war, gelang es ihm noch bis Oktober 1914 tätig zu werden. Inzwischen hatte er sich nach Irland zurückgezogen, wurde dort aber 2. Oktober 1914 in seinem Hotel in Killarney in County Kerry, wo er eine Zeitlang untertauchen wollte, verhaftet. Seine deutsche Herkunft wurde durch seine Spionageunerfahrenheit rasch offenbar: So vergass er einen in Berlin geschneiderten Mantel, der zudem seinen richtigen Namen enthielt. Weitere Hinweise auf seine deutsche Herkunft und seine Spionagetätigkeit enthielt sein Hotelzimmer: Deutsche Münzen, ein Notizbuch mit dem Inhalt seines ersten Telegramms nach Schweden, Deutsche Adressen, Entwürfe zu seinen Briefen und ein Busticket von Edinburg zum Firth of Forth.

In London wurde Lody wegen Hochverrats der Prozess gemacht; anders als bei späteren Spionageprozessen, schreibt der MI5, geschah dies in öffentlicher Sitzung, ein Umstand, der nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Beweise, wie oben schon angedeutet, waren erdrückend und so wurde er zum Tode verurteilt. Zur Erschießung von Lody am 6. November 1914 im Hof des Tower, dem tradionellen Ort als Gefängnis und der Hinrichtung von Verrätern, gibt es zwei Anekdoten: Den Offizier, der ihn zur Erschießung abholte, soll er begrüßt haben: „Sicher geben Sie einem deutschen Spion nicht die Hand.“ Der Offizier antwortete: Nein, das tue ich nicht, aber einen tapferen Mann schüttele ich gern die Hand.“ Bei der Erschießung selbst weigerte sich Lody eine Augenbinde anzulegen und schaute also dem Erschießungskommando, bestehend aus 8 Schützen, direkt in die Augen. Am Erschießen änderte das nichts.

„Interessanterweise verstieß Lodys Hinrichtung gegen das britische Gesetz. Die Gerichte korrigierten diese Situation nach seinem Tod.“, stellt eine britische Quelle fest.

Warum ein Denkmal in Lübeck?

Neben dem fast deutschnational anmutenden Gedicht von Bertold Brecht, das er als Schüler 1914 schrieb, siehe oben die ersten 2 Zeilen, wurde ein Zerstörer der Marine nach ihm benannt, Denkmäler wie das in Lübeck entstanden und die Mittelschule in den Franckeschen Stiftungen wurde in „Hans-Lody-Schule“ umbenannt. Nicht zuletzt wurde eine Straße in Nordhausen nach ihm benannt. Zusammengefaßt kann gesagt werden, dass der tragische Werdegang des Hans Lody vom Waisenjungen zum Spion von den Nationalsozialisten zu einem Heldenepos aufgebauscht wurde, das mit dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem Untergang der Nationalsozialisten ebenso rasch verschwand, wie es aufgetaucht war. Geblieben ist ein Brechtgedicht und ein Gedenkplakette am Burgtor von Lübeck, über die ich mich als Kind und Jugendlicher verwundert habe, weil Lody wirklich gar nichts mit meiner Geburtsstadt zu tun hatte, außer dass sich das Geburtshaus von August Hermann Francke nicht weit entfernt vom erwähnten Burgtor befand. Warum ausgerechnet Lübeck, mit dem Lody anscheinend rein gar nichts zu tun hatte, ausgerechnet ein Denkmal für den erschossenen Spion erhielt, konnte selbst der Nationalsozialist August Glasmeier aus Lübeck, anlässlich einer Gedächtnisfeier, 1933 für Hans Lody in den Franckeschen Stiftungen in Halle abgehalten, nicht aufklären. Da Lübeck vor der Machtergreifung ein Hort des Widerstands war und selbst Hitler nicht in Lübeck reden durfte, was er sehr übel nahm (s. „Groß-Hamburg-Gesetz“, mit dem Lübeck nach 711 Jahren seine Selbstständigkeit verlor), wollte ein Nationalsozialist womöglich den Lübeckern am Burgtor einen richtigen Helden, Hans Lody, „vor die Nase setzen“.  Aber das ist reine Spekulation. Die Gründe für dieses Denkmal ausgerechnet in Lübeck, von dem eine verkleinerte Kopie aus Ton nach Halle in die Franckeschen Stiftungen kam, bleiben unklar. Das Denkmal in Lübeck wurde bis auf die noch heute vorhandenen Schrifttafeln, die durch eine weitere Tafel zur Erklärung ergänzt wurde, zerstört. Was aus der Kopie in Halle wurde, ließ sich im Rahmen dieses Artikels leider ebeso wenig aufklären.

Quellen:

Abb.:

  • Foto: Torsten Kreutzfeldt, zuerst erschienen im „Hallespektrum“, online-magazin für Halle Saale
  • Abb. Hans Lody, aus Francke-Blätter, 1995, Heft 2, Fotograf unbekannt.

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