Vor einigen Jahren wurden Sachbücher noch gerne gelesen. Das hat etwas nachgelassen, dennoch bemühen wir uns, für die Schulbibliothek aktuelle und auch schöne Sachbücher anzuschaffen. Eine kleine Auswahl der letzten zwei Jahre (2024 u. 2025) möchte ich hier gerne vorstellen:
Beginnen wir mit „Jugendhaus Halle“ von Udo Grashoff, das eine Geschichte direkt vor unserer Haustür erzählt. Tatsächlich habe ich die Entstehungszeit dieses Buch miterlebt, weil ich jemand kenne, Ralf Steeg, der dieses Jugendhaus in Halle erleiden mußte. Aus seinen Erlebnissen, der weiterer Zeitzeugen und der Forschung von Udo Grashoff ist nun dieses Buch entstanden, welches die Geschichte des größten Jugendgefängnisses der DDR erzählt. Das Buch ist bedrückend, aber macht klar, dass Erziehung und Bildung in Halle nicht nur aus der glorreichen Geschichte der Franckeschen Stiftungen besteht, sondern es auch die Kehrseite der Medaille gibt und die sieht ziemlich finster aus oder wie es im Untertitel des Buches heißt: „Die Schlägerei hört einfach nicht auf“.
Der „Atlas der erfundenen Orte : Die grössten Irrtümer und Lügen auf Landkarten“ von Edward Brooke-Hitching gehört mit Sicherheit zu den schönen Büchern, die wir neu haben. Der „Atlas“ zeigt aber gleichzeitig, dass falsche Informationen und Betrügereien kein Phänomenen unserer Zeit sind, sondern auch schon früher vorkamen, wenn auch nicht so gehäuft und in so großer Zahl. So sind manche fiktiven Insel oder Landstriche bis in unsere heutige Zeit als real auf Landkarten aufgeführt gewesen. Insgesamt eine sehr amüsante Lektüre!
2025 war das 500. Jubiläum des „Deutschen Bauernkrieges“. Im Unterricht scheint es nicht vorgekommen zu sein. Denn die Bücher über den Bauernkrieg in der Schulbibliothek blieben unausgeliehen, sogar unberührt. Dennoch habe ich den Bestand um das Buch „1525 Der Aufstand“ von Giulio Camagni ergänzt, denn diese Graphic Novel vermittelt die damaligen Geschehnisse auf sehr anschauliche Weise. Camagni ist gelernter Historiker, doch länger ist er im Bereich von Grafik und Comics unterwegs. „Der Autor will das Buch als einen Aufruf für Frieden und Menschlichkeit verstanden wissen: „Es ist ein Appell gegen Gewalt, ein Appell auf einen Widerstand im Sinne von: Wir müssen weiterkämpfen, um unsere Rechte zu verteidigen.““ (BR)
Eins der wichtigsten Bücher der letzten Zeit ist mit Sicherheit „Die Neandertaler und wir : Meine Suche nach den Urzeit-Genen“ von Svante Pääbo, der dafür auch den Nobelpreis erhalten hat. Kurz zusammengefasst: Die Neandertaler sind nicht ausgestorben, sie leben in uns weiter. Das ist natürlich viel komplizierter. Außerdem war der Weg dorthin sehr lang. Svante Pääbo läßt uns daran teilhaben und wir merken, was für ein ausgezeichneter Erzähler er ist, trotz der Kompliziertheit der Materie. Außerdem gibt es noch eine weitere Homo Sapiens Gruppe, mit der wir uns vermischt haben, den Denisova-Menschen (ca. vor 52.000 – 160.000 Jahren). Aber die ganze Geschichte ist in dem Buch nachzulesen.
Das nächste Buch betrifft eher unsere Gegenwart: „Survival of the Richest : Warum wir vor den Tech-Milliardären noch nicht einmal auf dem Mars sicher sind“ von Douglas Rushkoff, in dem klargestellt wird, dass die Tech-Milliardäre die Welt nicht retten werden, sondern sie eher dem Untergang weihen wollen, um nur das Überleben der Reichesten zu sichern, ein irrer Gedanke, der aber eine hohe Wahrscheinlichkeit beinhaltet, wahr werden zu können. „Viele Tech-Unternehmer wollen uns Normalsterbliche einfach nur hinter sich lassen, werden aber als Visionäre gefeiert. Angesichts der Zerrüttungen, die ihre Geschäftsmodelle produzieren, müssen wir uns von ihrem Mindset befreien – denn mitnehmen werden sie uns auf ihrem Exodus sicher nicht.“ (Suhrkamp Verlag)
Auch das Buch „Wespen. Eine Versöhnung“ von Seirian Sumner ist ein Buch, das unbedingt gelesen werden muss! Aber Wespen? Das sind doch diese nervigen Insekten, die im Sommer alle belästigen und dazu auch noch stechen können, oder? Können Wespen auch Gutes tun? Oh ja, eine ganze Menge, wie die Autorin Sumner darstellt und im Buch ausführlich nachzulesen ist. Und noch etwas: „Wenn ihr Bienen mögt, habe ich schlechte Nachrichten für Euch: Bienen sind schlichtweg Wespen, die vergessen haben, wie man jagt.“ Ja, Wespen haben viele Eigenschaften, die auch Bienen haben bzw. haben die Bienen diese Eigenschaften, weil die Wespen sie bereits entwickelt haben. Vielleicht ist es so wie bei den Homo Sapiens Sapiens und dem Homo Sapiens Neandertalis, nur mit dem Unterschied, dass der Neandertaler uns im Sommer nicht beim Kuchenesse im Freien behelligt und auch sonst nicht mehr sehr vorhanden ist (außer in uns, aber das das ist oben bei Svante Pääbo nachzulesen).
Am Ende dieser kleinen Buchvorstellungen kommen noch zwei schöne Sachbücher aus dem Midas Verlag, die sich eher an Kinder und Jugendliche wenden und nicht ganz so wissenschaftlich sind. Zuerst der „Atlas der Entdeckerinnen : Auf den Spuren mutiger Pionierinnen.“ von Riccardo Francaviglia, der mutige Frauen von Maria Sibylla Merian bis Laaura Dekker aufführt. Und wenn ihr diese zwei Frauen nicht kennt (und alle die dazwischen lagen), dann wird es wirklich Zeit, denn sie stehen den männlichen Entdeckerkollegen in nichts nach, im Gegenteil, denn als Entdeckerin mußte frau noch etwas mutiger und z.T. sogar wagemutiger sein als die männlichen Entdeckerkollegen! Neben den kleinen Biografien und den Selbstzeugnissen/Augenzeugenberichten der Entdeckerinnen verzaubern die wunderschönen Bilder und Grafiken in diesem Buch.
Ganz anders ist „Femina Sapiens : Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive der Frau“ von Marta Yustos und Diego Rodriguez Robredo. Das Werk behandelt keine einzelnen berühmten Frauen, sondern die Urgeschichte der Menschen, so ziemlich auf neuesten Forschungsstand, aus der Sicht der weiblichen Hälfte der Menschheit, die eine viel wichtiger Rolle damals spielte als heute, denn spätestens seit der Bronzezeit wurde die Menschheitsgeschichte stark männerdominiert. Und männerdominiert ist auch die Geschichtsschreibung bis heute. Deswegen ist das Buch auch so wichtig! Einziger Minuspunkt ist das Fehlen einer der berühmtesten nachgewiesenen Frauen aus der Prähistorik, nämlich der mesolithischen Schamanin aus Bad Dürrenberg. Auch in der spanischen Heimat der Autorin sollte dieser Fund, der inzwischen außerordentlich gut erforscht ist, schon lange bekannt sein.
Zeit zu einem Ende zu kommen. Ich kann nur sagen: So viele interessante Dinge! Lest mehr Sachbücher!
Euer Schulbibliothekar
